Ein Stand für „Schlemmerey“

 

Seit 40 Jahren macht der TV Rot am See den Jahrmarkt ein bisschen süffiger – eine unverzichtbare Einnahmequelle für den Verein. Von Sebastian Unbehauen

 

Das eine oder andere „Wässerchen“, das die eh schon rosige Muswiesen-Realität noch ein bisschen rosiger macht, gehört – seien wir ehrlich – für die meisten Besucher zum Jahrmarkt. Nicht erst seit gestern übrigens, sondern wahrscheinlich schon immer. 1841 beispielsweise flossen 16 000 Liter Obstmost und 434 Liter Branntwein.

 

Einigen Geistlichen im 19. Jahrhundert war das ein schmerzender Dorn im Auge, und sie forderten ein Ende der verderblichen „Schnaps- Schlemmerey“ – etwa mit einem Brandbrief an die Obrigkeit: „Mehrere Geistliche (…) haben sich auf der letzten Mußwiese augenscheinlich überzeugt, welch einen nachtheiligen Einfluß auf die Sittlichkeit des Volkes die dort errichten Schnapsbuden haben. (…) Nicht nur die ledigen Purschen taumelten betrunken vor denselben herum, sondern auch die Mädchen, welche sich schamlos hin- und herziehen ließen, befanden sich zum Theil in diesem Zustande. Ein Kaufmann, in dessen Glaubwürdigkeit kein Zweifel zu setzen ist, war Augenzeuge, wie eine Weibsperson zehn Gläser nacheinander explenierte.“ Das Volk freilich ließ sich nicht von der „ Schlemmerey“ abhalten.

 

Dass dem auch heute noch so ist, davon profitiert auch der TV Rot am See. Dessen Fußballabteilung, unterstützt von der Tischtennis-Abteilung, betreibt seit gut 40 Jahren einen Stand, der ein beliebter Anlaufpunkt für ein Päuschen mit „Wässerchen“ ist – und für die Roter Fußballer die wichtigste Einnahmequelle überhaupt. „Wenn die Muswiese ausfallen würde, müssten wir aufhören mit dem Kicken oder dürften uns keinen Trainer mehr leisten“, sagt Thomas Göller und lacht. Er, Vitali Panin und Thomas Osen sind für die Organisation des TV-Stands zuständig. Rund 65 Helfer übernehmen Schichten.

 

Im Winter überlegen sie sich, welche neuen Getränke sie ins Sortiment aufnehmen könnten, im August gibt’s eine Vorbesprechung, Ware geordert wird auf Basis des Mittelwerts des Verbrauchs der vergangenen zwei Jahre. „2018 war ein absolutes Highlight.“ Das warme, trockene Wetter lockte die Massen aus den Wirtschaften und in die Gassen – die Muswiese war mehr als sonst ein Straßenfest.

Besonders gut lief deshalb auch das seinerzeit neu eingeführte Augustiner-Fassbier. Sollte es mal wieder kälter werden, steigt eben der Glühwein-Absatz. Nur bei Nässe wird’s schwierig: „Regen ist Gift für uns, wie für jeden Stand hier draußen“, so Göller. Die Hohenloher kommen zwar auch auf die Muswiese, wenn’s Kuhbatzen regnet, aber sie suchen sich dann ein warmes, trockenes Plätzchen. 

 

(Foto: HT-Archiv)